Laieninitiative

Empfehlungen

Wie Laien für die Kirche initiativ werden können

Wenn Widerstand in der Kirche berechtigt und notwendig ist, dann muss er gut überlegt sein, um Aussicht auf Erfolg zu haben. Wir haben einige Vorschläge zusammengestellt, wie in ersten Schritten die Einmischung der Laien im kirchlichen Leben spürbar werden kann. Die Liste ist ein Baukastensystem, das ständig ergänzt werden kann. Wir freuen uns über alle weiteren Anregungen! In einem Anhang bieten wir zusätzliche Hinweise zur Argumentation.

1. Keine Ehrentitel

Die Heilige Schrift verbietet mit einem Wort Jesu ausdrücklich, jemanden „Vater“ oder „Lehrer“ zu nennen (Mt 23, 9-10). Daher sollen die Ehrentitel bei schriftlicher oder mündlicher Anrede unter allen Umständen vermieden werden. „Hochwürden“, „Ehrwürden“, „Exzellenz“, „Eminenz“ oder „Heiliger Vater“ sind Titel, die theologisch nicht begründet werden können. Daher bleibt die klare Funktions­bezeichnung (Herr Pfarrer, Herr Bischof, Herr Kardinal, Herr Abt, Frau Äbtissin, Herr Papst usw.) die einzige passende und keineswegs unhöfliche Anrede unter Christen.

2. Laien haben ihre eigene sakrale Kompetenz

Es muss nicht alles vom Priester bestimmt und nicht immer auf den Priester gewartet werden. Das Wort Jesu „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18, 20) lässt sich durch keine kirchenrechtliche Vorschrift aushebeln. Diese Verheißung ernst zu nehmen, hat weitreichende praktische Folgen.

Priesterlose Gottesdienste

Wo die vorgegebenen Strukturen eine regelmäßige Feier der Eucharistie in überschaubaren Gemeinden nicht zulassen, liegt es in der Verantwortung der Laien, selbst das Gedächtnis Jesu in Gruppen, Kreisen und Familien zu feiern. Dabei muss der Ritus der Eucharistiefeier nicht nachgeahmt werden. Jede Gruppe, jede Familie kann ihre dankbare Erinnerung an Jesus feiern: in neuen Formen, als gemeinsames Essen und Trinken, wie Jesus es getan hat, als Hilfe auf dem Weg der Nachfolge, als Stärkung und Voraussetzung des Glaubens („Aktion für priesterlose Gottesdienste", nach einem Vorschlag des „Freckenhorster Kreises" im Bistum Münster).

Laienpredigt

Die Misere vieler inhaltsarmer Predigten ist ein verbreitetes Ärgernis. Laien, die etwas zu sagen haben, insbesondere auch Frauen, dürfen nicht daran gehindert werden, im Gottesdienst Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen; sie sollen - sei es auch unter Umgehung römischer Vorschriften - predigen. Die gemeinsame Lebenssituation mit den Hörern der Predigt kann zur Glaubwürdigkeit beitragen. Nicht die Weihe, sondern theologische Kompetenz und Vermittlungsfähigkeit sind Voraussetzungen für die Predigt.

Rollen im Gottesdienst

Die Mitwirkung der Laien beim Gottesdienst braucht sich nicht auf Fürbitten und Lesung beschränken. Mehrere wechselnde Sprecher und Sprecherinnen können Teile der Messgebete und des Kanons übernehmen. Es ist wichtig, dass sich Laien weigern, Gebete und Lieder zu akzeptieren, deren Texte unverständlich oder abstoßend geworden sind. Präfation und Einsetzungs¬worte (Abendmahls¬erzählung) können von der Gemeinde mitgesprochen werden, ebenso der abschließende Lobpreis am Ende des Kanons („Durch ihn und mit ihm ..."). Eine solche Neuverteilung der Rollen wird am Besten zuerst bei Gottesdiensten in kleineren Gruppen erprobt und dann im Gemeindegottesdienst eingeführt.

Krankensalbung und Laienbeichte

Nach Johannes (anders als nach Matthäus) gibt Jesus die Binde- und Lösegewalt allen Jüngern (Joh 20, 23). Das rechtfertigt die Spendung des Sakraments der Krankensalbung durch Frauen und Männer in der Krankenhausseelsorge, ebenso eine Wiederbelebung der Laienbeichte, wenn kein Priester verfügbar ist; es ist auch unsinnig, eigens einen fremden Priester zu holen, denn sein Auftreten ohne wirkliche Kenntnis des Kranken würde das Sakrament zu einem magischen Ritus abwerten.

Heilender Zuspruch

Wenn Paulus auffordert: „Betet ohne Unterlass" (1 Thess 5, 17), so ist es nicht Sache der Laien, Brevier und Stundengebet nachzuahmen, wie es der klösterlichen oder klerikalen Spiritualität entspricht. Es gibt weitaus mehr Möglichkeiten des Gebets, und in Beruf und Familie ist sogar vom ausdrücklichen Gebet dann wenig zu halten, wenn es nicht durch das Beispiel des Lebens beglaubigt wird. Die sakrale Kompetenz des Christen und der Christin erweist sich hier im ausdrücklichen heilenden Zuspruch: im Vertrauen der Freunde, im Umgang mit Feindseligkeiten, in offener Gastfreundschaft oder im Segen des Vaters und der Mutter.

3. Die Priesterweihe kann nicht gelöscht werden
– auch nicht durch die Eheschließung.

Es ist unbestrittene katholische Überzeugung, dass das Priesteramt auf Dauer verliehen wird. Priester der mit Rom unierten Kirchen sind verheiratet, protestantische und anglikanische Geistliche, die katholisch geworden sind, haben weiter ihre Familie. Der Pflichtzölibat römisch-katholischer Priester ist kein Dogma.

Kein Verzicht auf Priester

Priester, die sich zu einer Frau bekennen und heiraten, begehen kein Verbrechen, sondern machen von einem Menschenrecht Gebrauch. Daraus ergibt sich, dass es selbstverständlich sein sollte, verheiratete Priester nicht auszugrenzen, sondern im Bekanntenkreis oder in der Pfarre einzuladen und vorzustellen. Sie sind eine Ressource geistlichen Lebens und theologischen Wissens, auf die keine Gemeinde verzichten sollte; umgekehrt brauchen solche Priester und ihre Familien gerade an dieser Lebenswende die Solidarität der Gemeinde.

Verheiratete Priester aktivieren

Die Pfarrgemeinderäte sollten mutig darauf bestehen, dass die wenigen Priester im Amt entlastet werden und verheiratete Priester zur Eucharistiefeier eingeladen werden, und zwar nicht nur dort, wo akuter Priestermangel herrscht. Indem die verantwortlichen Laien in ihren Gemeinden dafür werben, verheiratete Priester weiterhin als Priester anzuerkennen und aktiv einzuladen, leisten sie einen wichtigen Dienst für die Kirche: So können Priestermangel und Nachwuchsmangel behoben oder gemildert werden. Auf diese Weise können neue Teampfarren aus verheirateten und unverheirateten Priestern gebildet werden, die gemeinsam mit den verantwortlichen Laien die Pfarre leiten.

4. Wiederverheiratete dürfen nicht ausgegrenzt werden

Das Scheidungsverbot Jesu wird schon im Neuen Testament von Matthäus und Paulus relativiert (Mt 5, 32; 1 Kor 7, 15). Durch die kirchenrechtliche fiktive Aufrechterhaltung völlig abgebrochener Ehen wird ein neuer Lebensanfang verhindert. Das Ideal der Unauflöslichkeit der Ehe bleibt unbeschädigt, wenn im Fall des Scheiterns der Vergebungsbereitschaft Gottes das größere Vertrauen eingeräumt wird.

Helfende Solidarität

Wenn Geschiedene Wiederverheiratete den Wunsch haben, am Leben der Gemeinde teilzunehmen, sollten sie ohne inquisitorische Nachfragen zur Kommunion eingalden werden. Teilnahme an den Beratungen des Pfarrgemeinderats und die Übernahme von Patenämtern wird schon jetzt vielerorts ohne Rückfragen erlaubt. Es ist auch hier gerade die Solidarität der Mitchristen, die Geschiedenen Wiederverheirateten eine gebrochene Lebensgeschichte bewältigen hilft.

5. Selbstverständliche Ökumenische Gastfreundschaft

Die Trennung der Christenheit in Konfessionen ist ein Skandal. Gespräche über verschiedene Lehrauffassungen sind notwendig, werden aber niemals zur Einheit führen. Machtfragen stehen heute einer Einheit in Vielfalt entgegen. Laienchristen und -christinnen können durch eine ökumenische Praxis von unten die bestehenden Barrieren überwinden helfen.

Gemeinsames Abendmahl

Ökumenische Gastfreundschaft beginnt mit gegenseitigen Einladungen, Besuchen der Gottesdienste der jeweils anderen Konfession und findet ihren Höhepunkt im gemeinsamen Abendmahl. Was von evangelischer Seite angeboten wird, dürfen auch Katholiken nicht verweigern. Insbesondere für gemischt-konfessionelle Familien muss der Platz am Tisch des Herrn in jeder christlichen Kirche zugänglich sein.

Argumente im Anhang:
Warum Laien ihren eigenen christlichen Weg gehen sollen

Formen der Nachfolge

Es gibt verschiedene Ordnungen christlichen Lebens. Sie leiten sich vom gemeinsamen Glauben an das Evangelium her, sie ergänzen einander und sind aufeinander angewiesen, aber keine dieser Ordnungen hat den Vorrang und darf der anderen ihre Regeln aufdrängen.

Schon in den Anfängen des Christentums bedeutete die Nachfolge Jesu nicht unbedingt, seine Lebensweise zu übernehmen. Dem Leben des Wanderpredigers folgten die Apostel, nicht aber die sesshaften Familien und Gemeinden, die den Glauben angenommen hatten. Aus jeder Lebensart entwickelten sich andere Spiritualitäten. Gruppen von Christen schlossen sich zu ehelosen Gemeinschaften zusammen, deren Ordensregeln nicht für jede Art christlichen Lebens gelten konnten. Die wachsende Kirche brauchte Leitungspersonal, und nach und nach verstanden sich Bischöfe und Priester als Stand des Klerus, der sich eigene Regeln für sein religiöses Lebens gab.

Anmaßung der Klerus

Der Klerus leitete aus seiner besonderen Funktion und in Anlehnung an monarchische Strukturen in der Politik den Anspruch ab, den anderen Christen, insbesondere den nun zu „Laien" abgewerteten Christen und Christinnen in Familien und Gemeinden, Vorschriften für ihr religiöses Leben zu machen. Eine Spiritualität der Laien, wenn eine solche überhaupt anerkannt wird, gilt bis heute vielfach als eine defizitäre Form der Klerus¬spiritualität, während für das Leben in familiärer Gemeinschaft in amtskirchlichen Erklärungen häufig an Ordensgemeinschaften Maß genommen wird.

So konnte es dazu kommen, dass Kleriker sich als kirchliche Aristokratie etablierten. Der Klerus entwarf umfangreiche Gesetzbücher zur Reglementierung des „christlichen Volkes" und schuf eine Gerichtsbarkeit zu ihrer Durchsetzung. Bis heute hält sich die Kirchenleitung für berechtigt, in der Politik mitzusprechen, und Zölibatäre machen den Laien detaillierte Vorschriften für den Umgang mit ihrer Sexualität und zu intimen Details ihres Ehelebens.

Spiritualität der Laien

All das hat nur mehr wenig mit dem Anspruch des Evangeliums zu tun und widerspricht in Vielem sowohl dem Wort der Schrift als auch den Menschenrechten. Katholische Laien, Frauen und Männer, sind durch Taufe und Firmung dafür gerüstet, ein selbstverantwort¬liches christliches Leben zu führen. Ehe, Familie und Erziehung, Beruf und Politik sind Anforderungen, denen Kleriker nicht ausgesetzt sind, und über die zu urteilen, zuerst den Laien zusteht.

Der Klerus hatte in der Geschichte einen erheblichen Bildungsvorsprung und kann seine Dominanz heute nur mehr in Weltgegenden aufrecht erhalten, in denen die Bildung der Bevölkerung auf einem niedrigen Niveau stagniert. In Europa und Nordamerika gibt es seit Jahrzehnten theologisch und philosophisch voll ausgebildete Frauen und Männer im Laienstand. Daher sind alle Voraussetzungen gegeben, eine eigene Spiritualität der Laien zu entwickeln und ihr Leben in Familie und Beruf mit den Anforderungen des Evange¬liums zu konfrontieren, ohne den Umweg über klerikale oder klösterliche Lebensformen zu suchen. „In einer vertieften weltlichen Spiritualität und in einer von Sachkenntnis bestimmten Lebensgestaltung sind die Laien nicht mehr auf die Anleitungen durch den Klerus angewiesen" (Herbert Vorgrimmler, Neues Theologisches Wörterbuch, S. 376 f).

Aufgaben in der Krise

Wenn sich nun Laien in einer Situation des Priestermangels und der Auflösung von Pfarrgemeinden gegen die dafür verantwortliche Kirchenpolitik wenden, dann geht es ihnen nicht darum, Klerikern oder Ordensleuten Vorschriften über deren religiöses Leben zu machen oder ihnen die Spiritualität der Laien aufzudrängen. Es verhält sich vielmehr gerade umgekehrt: Indem der Klerus seine Lebensweise zum alles bestimmenden Kriterium erklärt und an der Ehelosigkeit der Priester und am Ausschluss der Frauen festhält, beschädigt er die spirituellen Ressourcen der Laien überall dort, wo Gottesdienst und Sakramente in die ausschließliche Kompetenz des Klerus übergegangen sind.

Das muss nicht so sein. Sogar heute gilt, dass Laien in bestimmten Situationen taufen können, dass es die Brautleute sind, die einander das Sakrament der Ehe spenden. Über Jahrhunderte war in Ermangelung eines Priesters die Laienbeichte in Gebrauch; daher ist nicht einzusehen, warum das Bekenntnis eines sterbenden Menschen vor der Kranken¬hausseelsorgerin nicht mit einer Absolution beantwortet werden darf (siehe unten).

Zögerlicher Widerstand

Im Bewusstsein ihres eigenen unvertretbaren Auftrags steht es getauften und gefirmten Frauen und Männern zu, für ein unbeschädigtes christliches Leben in den Gemeinden einzutreten. Wenn sie das tun, kämpfen sie nicht etwa gegen die Kirche, sondern sorgen dafür, dass die Auszehrung und Marginalisierung der Kirche aufgehalten wird. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie nicht gewillt sind, für eine Kirchen¬leitung zu zahlen, deren Aussagen ihrem Leben nicht weiterhelfen, und die zudem die Beheimatung in überschaubaren christlichen Gemeinden schrittweise unmöglich macht.

Schon jetzt geschieht Vieles, was den ausdrücklichen Vorschriften der Bischöfe widerspricht. Aufgeschlossene Priester passen die rigiden römischen Liturgievorschriften an die Situation ihrer Gemeinde an, Geschiedene Wiederverheiratete gehen zur Kommunion, gemischtkonfessionelle Ehepaare nehmen selbstverständlich Kommunion und Abendmahl. Viele Priester leben mit einer Partnerin zusammen und werden von ihren Gemeinden akzeptiert. Aber immer noch wird darüber hinter vorgehaltener Hand gesprochen; auch Pfarrgemeinderäte befürchten Sanktionen von Seiten der Bischöfe, die über das gesamte Kirchenbeitragsaufkommen verfügen.

Deshalb ist es an der Zeit, offen für das einzutreten, was heute dringend notwendig ist, um schließlich auch die Amtskirche zum Umdenken zu bewegen.

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13.199
BISHERIGE UNTERSTÜTZER